Lehrer als Marktverkäufer

Ein Text von Ibrahim aus unserer Gruppe:

Im Tagesschau-Beitrag der SRF-Korrespondentin Ruth Bossard vom 11.11. 2016 lernen wir Haydar aus Dersim (Tunceli) kennen. Am Morgen steht Haydar auf und geht auf den Markt, um seine Waren, die er aus der Heimat gebracht hat, zu verkaufen – Honig, Bohnen und Käse. Still, nachdenklich und etwas ratlos steht er am Stand, wartet auf seine Kunden. Sein Leben hat sich um 180° geändert. Er ist nicht mehr ein Lehrer, sondern er steht in Istanbul an einem Stand als Marktverkäufer. Jetzt muss er sich an einen neuen Rhythmus gewöhnen. 29 Jahre als Lehrer an einer Schule arbeiten und dann entlassen werden, ohne zu wissen, was der Grund ist. Haydar ist nicht allein in dieser Situation. Tausende Lehrer/innen haben ihre Jobs wie Haydar beim Staat verloren. Warum es so ist, wurde ihnen nicht mitgeteilt, aber wer der Situation in der Türkei folgt, kann es vermuten. Momentan herrscht eine unvorstellbar grausame Atmosphäre im Land, obwohl Erdogan vor kurzem bei einem Interview sagte: „Die Bevölkerung war nie so frei in der türkischen Geschichte wie jetzt“. Aber wer sich äussern möchte, muss sich zweimal überlegen, was er sagen will. Ohne rechtliche Beweise wird man entweder mit dem Terrorvorwurf rasch vor Gericht gestellt oder wie Lehrer Haydar entlassen – darunter Journalisten, Akademiker, Politiker, Menschenrechtaktivisten/innen etc.

Seit dem bereits fast vergessenen Putschversuch wurden ca. 38’000 Lehrpersonen entlassen. Die Regierung nimmt den Putschversuch als Vorwand, um ihre Kritiker verstummen zu lassen. Von diesen Entlassungen wurde vor allem das kurdische Gebiet betroffen, welches oft ein Exil-Ort für die oppositionellen Behörden war. Viele idealistische Menschen wie Haydar haben studiert und wollten in ihrer Heimat etwas ändern. Anstatt ihre Arbeit und Bemühung zu schätzen und sie zu fördern, werden sie von der Regierung als Gefahr angesehen.

So wie er Ruth Bossard erzählt, haben viele Schüler/innen seit einem Monat keine Schule mehr oder es werden Personen ohne pädagogische Ausbildung als Lehrer/in angestellt. So setze der Staat die Zukunft seiner Einwohner/innen aufs Spiel, meint Haydar und trotz allem will er sein Verfahren bis zum europäischen Gerichthof ziehen. Ob er das schafft oder nicht, werden wir vermutlich nicht mitbekommen, aber er zeigt sich kämpferisch und möchte gerne wieder seine Schüler/innen unterrichten. Als Marktverkäufer hatte er am Anfang grosse Mühe. Es sei ihm peinlich gewesen und er konnte kein Geld verlangen. Jetzt versucht er, mit dem Verkauf zu überleben, bis sich etwas verändert. Haydar und seine Berufskollegen versuchen optimistisch zu sein, doch es gibt momentan wenige Gründe dafür. Die Menschen warten auf einen unerwarteten Wind, der die Atmosphäre im Land ändern wird. Wie es weitergeht, weiss niemand. Vielleicht solange, bis die Regierung ihr Ziel erreicht hat. Leider verschlechtert sich die Menschenrechtslage im Land von Tag zu Tag.

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