Rückblick Aktion gegen die „Fremde Richter“ -Initiative vom 27.10.2018

Blickgeschichten

von Amnesty International, Gruppe Luzern

 Sursee, Martigny-Platz, 27. Oktober 2018, 9.00 Uhr. Es ist nasskaltes Wetter, und sieben Gruppenmitglieder haben eine Standaktion an strategisch günstiger Stelle in dieser gemütlichen Kleinstadt organisiert.

Wir wollen Werbung machen: Gegen die unsagbar gefährliche Selbstbestimmungs-Initiative der SVP. Für die Menschenrechte in der Schweiz. Und in Europa.

Die Blickgeschichten begannen schon beim Aufstellen unseres Zeltes. Die Marktfrauen und -männer schielten interessiert zu uns hin und schauten erst wieder beruhigt zu ihren Ständen, als sie merkten, dass wir keine Gemüseverkaufskonkurrenz sind.

Dachten sie wohl: „Ah, das kennt man ja. Wieder so eine Politpartei.“? Wir stellten schnell fest, dass wir freundliche und wohlwollende Blicke erhielten. Amnesty International schien hier bekannt zu sein, zumindest aber toleriert.

Eine sympathische Kleinstadt, fanden wir.

Die fremdländisch aussehende Marktfrau, bei der zwei von uns sich später mit Hummus, Falafel und gefüllten Weinblättern verpflegten, schickte uns sogar ihr Töchterchen zur Befragung: „Was macht ihr hier?“ Das allerdings hatten wir in unserer vorgängigen Argumentationsschulung nicht geübt: Wie erklärt man einem etwa achtjährigen Mädchen mit wachen Blick aus dunkelbraunen Augen, was Menschenrechte sind? Und dass es tatsächlich erwachsene Leute mit chronischem Europa-Verdruss gibt, die eben diese Menschenrechte abschaffen möchten? Dass es tatsächlich grosse Leute gibt, die eine jahrzehntelange intensive Aufbauarbeit für Freiheit, Demokratie und Minderheitenschutz zerstören möchten?

Wir gingen vor der kleinen Fragestellerin ein wenig in die Knie und gaben unser Bestes – in kindgerechter Sprache. Die Kleine hörte mit wachem Blick zu, fand uns offenbar sehr nett und nahm höflich dankend zwei Döschen mit Traubenzucker an. Eines für das Geschwisterchen.

Drei Stunden  – so lange dauerte unsere Aktion – sind eine lange Zeit, wenn man zwar warm angezogen ist, aber die feuchte Kälte trotzdem durch die Kleidung dringt. Unzählige unserer Blickkontakte zu den Passantinnen und Passanten hin fragten freundlich: „Dürfen wir Sie ansprechen? Dürfen wir Ihnen einen Flyer geben? Dürfen wir mit Ihnen ins Gespräch kommen?“

Wir erhielten sehr viele interessierte Blicke zurück, und die Angeblickten blieben stehen und nahmen gerne einen Flyer entgegen. Oder stellten kritische Fragen. Mütter und Väter erlaubten uns, ihren Kindern ein Traubenzuckerdöschen zu geben. (Und nahmen selbst gerne eines mit.)

Es gab aber auch  – zum Glück eher selten – in den Blickkontakten stumme ärgerliche Aufforderungen, die wir so interpretierten: „Lasst mich in Ruhe. Ich habe es eilig und kalt und satt mit der Politik.“ Und es gab auch schon mal jemand sehr Geheimnisvollen, der uns mit ärgerlichem Unterton und finsterer Miene mitteilte: „Ich weiss schon, was ich wähle.“ Nun ja – wir gaben ihm ein freundliches „Schönen Tag noch!“ mit auf den Weg.

Wenn aber der Blick einladend und offen war, konnte dieser Satz ‚Ich weiss schon, was ich wähle‘ auch ein Bekenntnis in unserem Sinne sein: „Ganz klar – ich stimme nein.“ Und dann lächelten wir von Amnesty International und nickten mit dem Gesprächspartner im stillen Einverständnis.

Später am Vormittag gab es ein unverhofftes Highlight: Eine lange Prozession mit den Delegierten einer Mitte-links-Partei marschierte in kleinen Gruppen eilends und ins Gespräch vertieft an uns vorbei – sie wollten partout keinen Flyer, wirklich nicht –  fanden aber doch noch Zeit, uns zuzurufen: „Wir haben eben die Nein-Parole beschlossen.“

Bingo! Aus lauter Freude spendierten uns zwei unserer Mitglieder eine Runde Kaffee und Gipfeli.

Nicht zuletzt gab es viele kurze und eindrückliche politische Begegnungen mit Menschen, die im Gespräch durchblicken liessen, dass sie sich schon vertieft mit der Initiative und ihren Folgen auseinander gesetzt haben. Dass sie die widerspruchsvolle Farce der SVP-Argumentation durchschaut haben. Oder Menschen, die uns aufmerksam zuhörten, ihre Wenns und Abers freimütig äusserten und mit einem ernsthaften Blick signalisierten: „Machen Sie weiter so. Ich lass es mir mal durch den Kopf gehen. Sie könnten mich überzeugen.“ Nun, dafür waren wir ja da: Um Überzeugungsarbeit zu leisten.

Und es gab auch jemand, der heftig bekannte: „Wenn diese Initiative durchkommt – ich schäme mich für die Schweiz.“

Eigentlich sind drei Stunden in Kälte und Regen keine so lange Zeit – wenn man bedenkt, was an Arbeit und Mühsal auf die Schweiz zukommt, wenn diese Volksdiktaturinitiative nicht abgewehrt werden kann. Dann wird es noch auf eine ganz andere Art kalt und ungemütlich in der Schweiz werden.

Ein Gedanke zu „Rückblick Aktion gegen die „Fremde Richter“ -Initiative vom 27.10.2018

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s